GINZBURG SPURENSICHERUNG PDF

Return to Book Page. Refresh and try spurensicheruhg. His philologically informed studies engage extensively with the Middle Ages and the Early Modern Period, but reach all the way up to the present. Carlo Ginzburg Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst. This book is not yet featured on Listopia. Lists with This Book.

Author:Takree Meshicage
Country:Benin
Language:English (Spanish)
Genre:History
Published (Last):4 January 2010
Pages:245
PDF File Size:8.99 Mb
ePub File Size:18.74 Mb
ISBN:674-9-28787-718-6
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Der Archдologe ist umgekehrt der Detektiv, der der Vergangenheit auf die Spur kommt. Auf den ersten Blick sind tatsдchlich sowohl die Archдologie wie auch die Kriminalistik darauf bedacht, in der Gegenwart zu beobachtende Resultate mit Hilfe von handfesten Indizien zu erklдren und dadurch Vorgдnge, die sich in der Vergangenheit abgespielt haben, zu verstehen.

Sie stehen auЯerhalb des Geschehens und analysieren kleinste, oft unbeabsichtigt hinterlassene Spuren mit naturwissenschaftlichen Methoden und scharfem Verstand, schlieЯlich zu einem Urteil kommend.

Weil Indizien im Unterschied zu menschlicher Erinnerung nicht tendenziцs sind und sichere Urteile erlauben, kцnnen sie menschliche Zeugen manchmal sogar objektiv berichtigen.

Dieses habe sich seit der zweiten Hдlfte des Jahrhunderts in den Humanwissenschaften ausgebreitet, obwohl seine Ursprьnge sehr viel weiter zurьckreichen und mit dem Fдhrten- und Spurenlesen von Jдgern und frьhen Formen des Wahrsagens in Verbindung gebracht werden kцnnten Wahrsagen ist Spurenlesen in umgekehrter Richtung, d. Ginzburg stellt so einen epistemologischen Zusammenhang zwischen einer Reihe ganz verschiedener Bereiche her, in denen allesamt auf prinzipiell дhnliche Art und Weise kleinste Spuren als Indizien gelesen werden, um ihnen zugrundeliegende Ursachen zu erschlieЯen.

Dazu zдhlen nicht nur die moderne Kriminalistik, sondern auch die Kunstgeschichte. Giovanni Morelli entwickelte eine Methode, die Maler unsignierter Bilder anhand scheinbar nebensдchlicher Details identifizieren kann.

Er argumentierte, daЯ sich in den Darstellungsweisen von Details wie Ohrlдppchen, Nasen, Fingernдgeln und Zehen gelernte Techniken und unbewuЯte Routinen eines individuellen Malers besser spiegeln als in auffдlligeren Merkmalen, die leicht kopierbar sind. Mit Hilfe dieser Methode werden nicht nur Zuweisungen zu bestimmten Malerpersцnlichkeiten mцglich, sondern manche Bilder ьberhaupt erst authentisiert.

Ьber spurensichernde Kunst D ie nachwievor einflussreiche Kunstrichtung der Spurensicherung fand ihren Anfang in einer Hamburger Austellung von , die eine Reihe an archдologischer Methode interessierte Kьnstler erstmals zusammenbrachte [5].

Beide wurden geboren und ihre spдteren Arbeiten sind wesentlich von ihren Kindheitserfahrungen im zerstцrten Frankreich der Nachkriegszeit beeinflusst. Als sie gemeinsam die Ьberreste buddhistischer Tempel in Angkor in Kambodscha besuchten, wurde ihr Interesse an der Archдologie geweckt, das bis heute anhдlt.

Ihre kьnstlerischen Arbeiten drehen sich seitdem vor allem um zwei eng verwandte Themen: die Zerbrechlichkeit und Zerstцrung von Kulturen und Zivilisationen, und die Wichtigkeit des kollektiven Gedдchtnisses.

Anne Poirier drьckte ihr gemeinsames Interesse in einer Diskussion in Gцttingen so aus: "Our work is about the possibility of the past and the impossibility of the future. Die Arbeit besteht aus verschiedenen Teilen. Zunдchst gibt es einen 3 m langen Plan von Ostia Antica, das aus ihren eigenen Erfahrungen des Platzes entstanden ist und einem archдologischen Plan дhnelt, aber nicht mit ihm identisch ist.

Dann gibt es ein grosses Miniaturmodell der Ruinenstдtte 11 x 6 m , das auf diesem Plan und den eigenen Erinnerungen der Poiriers beruht und ein volles Jahr Arbeit darstellt. SchlieЯlich mehrere Notizbьcher, die nicht nur Beschreibungen und Kommentare der Kьnstler enthalten, sondern auch einige gepresste Blumen und etwas Erde. Es wird sofort klar, daЯ dies nicht ein Versuch ist, die alte Stadt zu rekonstruieren, sondern viel eher eine Art Wiedergeburt der Ruinenstдtte in der Gegenwart unter dem Vorzeichen der Erinnerung.

Das Ziel ist es nicht eine bestimmte Ausgrabungsstдtte so akkurat wie mцglich festzuhalten oder uns irgendetwas Neues ьber Ostia Antica beizubringen, sondern ein sehr persцnliches Erlebnis der Ьberreste dieses Platzes zu dokumentieren und dadurch einen visuellen Kommentar zu Themen wie Altern, Verfall und kollektiver Erinnerung anzubieten.

W ie soll man nun als Archдologe von derlei Werken halten? Dann wдre es nicht weiter von Belang fьr das Anliegen der Archдologie selbst, wie da ein paar Kьnstler archдologische Indizien und Methodik karikieren. Trotz aller Sorgfalt und Exaktheit, wird hier ja keine wirkliche wissenschaftliche Arbeit dargestellt, und es werden keine wirklichen Aussagen ьber irgendeine tatsдchliche Gegenwart oder Vergangenheit gemacht.

Stattdessen wird auf etwas anarchistische Weise die Methode karikiert, mit deren Hilfe scheinbar absolutes Wissen gewonnen wird. Dieses Etwas ist gerade deshalb wertvoll, weil es sich der modernen Wissenschaftswelt entzieht und eben nicht von der Archдologie oder einen anderen Wissenschaft ohnehin zu Tage gebracht wird [8].

Sie stellt die Authoritдt der Archдologen in Frage, indem sie auf das Nicht-Wissenschaftliche verweist - die Dinge, die uns als Wissenschaftler normalerweise entgehen, obwohl sie mindestens ebenso elementar und wichtig sind. E ine andere Ьberlegung fьhrt sehr viel weiter. Das wird sehr deutlich in den Werken der Poiriers. Wichtig ist jeweils nicht, was genau gefunden wird und was uns dieser Fund ьber seine Geschichte erzдhlen kann, sondern der Prozess des Findens und Bearbeitens der Funde selbst.

Das aber scheint zunдchst nicht viel mit Archдologie zu tun zu haben. Damit aber wird die Archдologie verkannt. Doch das kann die Archдologie nicht leisten. Ein Verstдndnis der Archдologie als reiner Indizienwissenschaft wird ihrem tatsдchlichen Anspruch und ihren vielfдltigen Arbeitsweisen nicht gerecht. Sie kann eben nicht allein auf der Grundlage materieller Ьberreste oder Spuren die Vergangenheit quasi wiederauferstehen lassen [11].

E in archдologischer Fund oder Befund muЯ erst als solcher interpretiert werden; was er besagt, ist abhдngig von den Fragestellungen, Methoden und perspektivischen Erwartungen, mit denen Archдologen heute interpretieren und diese Interpretationen anderen gegenьber kommuniziert werden [12]. Dies ist das zentrale Credo der interpretive archaeology.

John Barrett drьckte deren Grundgedanken unlдngst so aus: "Artefacts mean nothing. It is only when they are interpreted through practice that they become invested with meanings […] Our knowledge is not grounded upon the material evidence itself, but arises from the interpretive strategies which we are prepared to bring to bear upon that evidence.

Immer ist es die Interpretation, die die Spur fьr uns erst entstehen und signifikant werden lдЯt. In der Kriminalistik kommt es eigentlich nicht auf die Rekonstruktion des tatsдchlichen Tathergangs an, sondern auf das Ьberzeugen des Gerichtes, bzw. Insofern als das Indizienparadigma also eine unbestreitbare und eindeutige Beziehung zwischen Ursachen und Wirkungen impliziert, ist es irrefьhrend. Jede Spur kann immer auch anders gelesen und interpretiert werden.

Nichts ist schwerer vorherzusagen als die Vergangenheit - auch darin erweist sich ein Zusammenhang zwischen Spurenlesen und Wahrsagen. Fьr die Kьnstler scheint es freilich auf das eigentliche Ziel der Archдologie - dem Verstehen der Vergangenheit anhand ihrer materiellen Ьberreste - auch gar nicht anzukommen. Was fьr sie wichtig ist, ist nicht der Ort, wohin sie gelangen oder gelangen mцchten, sondern der Weg, den Archдologen gehen und den sie selbst auch gehen mцchten - "den Weg eines bestimmten Nachdenkens, Reflektierens und Erlebens [14].

Die Kunstwerke selbst erweisen sich so als Neuschцpfungen, die Archдologie nur zitieren und tatsдchlich vor allem ьber ihre eigene Gegenwart und sich selbst sprechen; sie sind "Vehikel der Selbsterkenntnis" [16].

Die Suche nach dem scheinbar Vorgegebenen wird vor allem eine Suche nach sich selbst, nach einem Standpunkt in der rasch wechselnden Gegenwart. Auch das allseits beliebte Genre der Kriminalgeschichten bezieht einen GroЯteil seiner Anziehungskraft aus dem jeweiligen ProzeЯ des detektivischen Interpretierens und Ermittelns, das am Ende zur Enthьllung eines rein fiktiven Tathergangs fьhrt. Wenn sich manche Kriminalinspektoren geradezu kultartiger Beliebtheit erfreuen z.

Der Alte, Morse oder Clouseau , dann ist das nicht etwa darauf zurьckzufьhren, daЯ die von ihnen ermittelten Fдlle besonders interessant oder ihre Interpretationen des Tathergangs besonders plausibel wдren, sondern daЯ sie selbst interessante Charaktere sind, die in spannender Art und Weise zu ihren Erkenntnissen kommen und dabei in Wirklichkeit nur stдndig sich selbst enthьllen.

Archдologie als ProzeЯ K цnnte es nicht sein, daЯ auch die Archдologie vor allem einen Weg und nicht ein Endziel verfolgt; daЯ nicht auch die Archдologie aus stдndigen Neuschцpfungen besteht, die nur immer ihre eigenen Vorgдnger zitieren, und tatsдchlich vor allem ьber ihre eigene Gegenwart und sich selbst sprechen; daЯ nicht auch die Archдologie ihren Gegenstand immer neu erfindet?

Genau das scheint mir der Fall zu sein. A rchдologische Funde sind ein Medium, das immer wieder menschliches Verlangen nach Wissen ьber die Vergangenheit befriedigen kann. Insofern als das archдologische Spurenlesen ein archдologisches Indizienparadigma zitiert, mit dessen Hilfe man nur vermeintlich der Vergangenheit auf die Spur kommen kann, wird es zur Selbstparodie.

W as wir als Archдologen tatsдchlich tun, ist nicht immer tiefer in unsere eigene Geschichte vorzudringen, sondern Kommentare ьber sie anzuhдufen, die sich дndernde Positionen, Blickwinkel und Haltungen widerspiegeln. Die Suche nach der Vergangenheit ist die Suche nach uns selbst in sich rasch wechselnden Gegenwarten. Die Archдologie erfьllt somit keine konkreten Bedьrfnisse, die zu irgendeinem Zeitpunkt erfьllt sein mцgen - "nun kennen wir die Vergangenheit" kцnnte man ja einmal sagen, "nun wissen wir, woher wir kommen" - als daЯ sie ein tiefempfundenes Verlangen nach Ursprungs- und Vergangenheitsuche kultiviert und immer neu zum Ausdruck bringt.

Deshalb geht archдologische Forschung immer weiter, ganz unabhдngig davon, ob man viel oder wenig findet; eine archдologische Sammlung ist nie komplett, wieviel auch immer man zu ihr hinzufьgen mag; und man hat nie genьgend Fundstellen vor der Zerstцrung bewahrt, wieviel Notgrabungen und archдologische Reservate es auch geben mag. E s ist somit in aller Regel der ForschungsprozeЯ und nicht irgendein bestimmtes Forschungsergebnis, auf das es in der Archдologie ankommt.

Anders ausgedrьckt heiЯt das, daЯ die Archдologie in erster Linie nicht deshalb fьr unsere Zeit Bedeutung hat, weil sie bestimmte Einsichten ьber die Vergangenheit oder die Erlebbarkeit einer Kulturlandschaft liefert, sondern weil der Prozess der archдologischen Arbeitens selbst bedeutungsvoll ist.

Alle drei sind Gesten des Erinnerns und Ausdruck einer bestimmten Art des Reflektierens und Erlebens der Vergangenheit und ihrer materiellen Ьberreste in der Gegenwart. Sie alle produzieren Neuschцpfungen, die die Vergangenheit in die Gegenwart ьbersetzen und dabei im Grunde nur der Selbsterkenntnis dienen.

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